Grivel   Scarpa 

Thomas der Wunderknabe

Geboren 1962, ist Thomas Bubendorfer sicher kein Wunderknabe mehr.

Den Titel hatte er sich allerdings hart verdient: Mit 16 Jahren wurde er zum jüngsten Alleinkletterer von Felswänden im damals höchsten Schwierigkeitsgrad. Mit 18, nach zahllosen Alleingängen in Österreich und am Montblanc, machte er sich in der internationalen Fachwelt einen Namen durch die zweite Alleinbegehung der Philipp-Flamm Route in der Civetta Nordwestwand in den Dolomiten, der damals schwierigsten Freikletterroute der Alpen. Er hatte nur vier Stunden dafür gebraucht. Die erste Alleinbesteigung war Reinhold Messner gelungen, der sie im stärksten Klettersommer seines Lebens in sieben Stunden geschafft hatte. Das war nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft …

Ebenfalls mit 18 Jahren war er einer der damals jüngsten Menschen, die ohne Flaschensauerstoff über 7.000 Meter kletterten (Pik Korshenewskaja, 7.135 m, Pamir Gebirge, Westlicher Himalaja).

© Thomas Bubendorfer 2019
© Thomas Bubendorfer 2019

Aus Abenteuerlust, Freude, Sinn

Mit 21 wird Thomas der erste Alleinkletterer, der die drei größten und schwierigsten Nordwände der Alpen - Grandes Jorasses (Walkerpfeiler), Matterhorn und Eiger –ohne Seil und in damals unvorstellbar kurzen Zeiten schaffte. Bis heute ist seine Zeit am Eiger (4 Stunden 50 Minuten) bei sommerlichen Verhältnissen nicht unterboten worden. Er bleibt auch nach wie vor der Einzige, der den berühmten „Walkerpfeiler“ – mit 20! - ohne Seil geklettert ist, noch dazu „on sight“, also ohne die Route zu kennen (er war der Erste in diesem Sommer, der die Route kletterte). Mit 23 Jahren bestieg er als Erster allein und an einem Tag mit dem Mount Fitz Roy in Patagonien, Argentinien, einen der schwierigsten Berge der Welt, natürlich „on sight“. Es ist der härteste Bergtag seines Lebens.

Einzigartig ist auch seine Vielseitigkeit als Alleingänger: von seilfreien Fels-Alleingängen in den Alpen bis Schwierigkeitsgrad 7a (VIII nach der UIAA Skala), über gefrorene Wasserfälle bis WI 6 bis zu seinen puristischen Alleingangsexpeditionen in den Anden, in Patagonien, Alaska und im Himalaja.

Seit der Jahrtausendwende hat sich Thomas zum Teambergsteiger und Spezialisten für Eis- und mixed Kletterei gewandelt und in Österreich, Südtirol und im Aosta Tal mehr als 30 extrem schwierige Erstbesteigungen geschafft, zwei seiner außergewöhnlichsten in 2019. Siehe FOTOS 2019 und NEWS.

Die höchsten Höhen – und Tiefen!

Bis 1988 kannte Thomas Bubendorfer nur den Erfolg – als Alleinkletterer, als Autor und Vortragender. Einzigartig am Berg ist sein 5-Wände-Enchaînement in den Dolomiten geblieben: mit den Nordwänden von Westlicher, Großer und Kleiner Zinne, der Südwand der Marmolada und der auch heute noch besonders anspruchsvollen Via Niagara an der 800 m hohen Nordwestwand der Pordoi Spitze, kletterte er an einem Tag ohne Seil 3.000 Höhenmeter bis zum VII. Schwierigkeitsgrad.

Wenige Monate später stürzte er bei Werbeaufnahmen 20 Meter tief ab, brach sich neun Wirbel und zertrümmerte den linken Fuß. Er ging 11 Monate auf Krücken. Die Ärzte erklärten ihn mit einem steifen Sprunggelenk zu 35% invalid. Seit damals ist er keinen einzigen Kilometer gelaufen (gejoggt).

Trotzdem sollten seine größten Erfolge erst folgen: 1991 durchstieg er als Erster ohne Seil und an einem Tag (16,5 Stunden) durch die 3.000 m hohe Südwand des 6.956 m hohen Aconcagua in den Anden. 

© Thomas Bubendorfer 2019
© Thomas Bubendorfer 2019

1993 kletterte er ohne Seil und im Winter in knapp zwei Stunden durch die 800 m hohe Südwand des Hohen Dachstein, 2.995 m, auf der schwierigsten Route (bis Schwierigkeitsgrad VII-), sowie, ebenfalls „free solo“, zwei alpine Routen im VIII. Schwierigkeitsgrad im Tennengebirge und am Hochkönig: die berüchtigte „Prechtplatte“ am Hochthron und „Mountainbike“ (7a) an der Torsäule.

Der letzte große Fels-Alleingang war die 1. Free solo Begehung der Route „500“ am Großen Sattelkopf im Hochkönig Gebiet (VII+). Am Gipfel ging Thomas innerlich „eine Tür zu“. Er wusste in dem Augenblick, dass das Fels-Alleinklettern seinen Reiz verloren hatte.

Foto: Thomas free solo in der Prechtplatte, VIII-, Hochthron, März 1993 © Chris Bogensberger

© Thomas Bubendorfer 2019

Wenige Monate vorher schaffte er noch in Alaska die Erstbesteigung des Mount Laurens, nach seinem ersten Sohn benannt, nach 18 Tagen des Wartens auf kaltes Wetter allein in seinem Lager. Ein weiterer Beweis seiner alpinistischen Vielseitigkeit.

2017 – Absturz beim Abseilen - Koma

Am 1. März 2017 macht Thomas beim Abseilen auf den letzten 20 Metern einen unfassbaren Anfängerfehler und wacht nach sechs Tagen im Koma in einer Klinik in Padua auf. Seine Leber und Milz waren nach einem 14-Meter Sturz gerissen, sein rechter Fuß war zertrümmert, alle Rippen gebrochen. Seine Lungen kollabierten. Tagelang schwebte er zwischen Leben und Tod. Die Ärzte sagten ihm eine 2-3 jährige Erholungszeit voraus. Aber fünf Wochen nach dem Absturz fängt er mir mit einem kontrollierten Training an. Drei Monate später klettert er wieder.
 

Intelligentes Training
 

Ein Jahr nach dem Absturz gelingt ihm mit seinen Freunden Hans Zlöbl und Max Sparber am 3.998 m hohen Großglockner die Erstbesteigung „Das dritte Leben“, WI 6-, M8. Fotos 2018

© Thomas Bubendorfer 2019
© Thomas Bubendorfer 2019

 

Im Winter 2019 gelingen ihm mit Max Sparber die Erstbesteigungen „No country for old men“ in Südtirol, WI 6-, M8, sowie „Die Abenteuer des Augie March“, eine sehr anspruchsvolle, alpine 13-Seillängen Route (WI 6-, E4-5, M7+), in der 400 m hohen Nordwand des Hohen Kasten, 3.189 m.

Foto: mit Max am Ausstieg des Hohen Kasten